Sachen die mit “meine erste” anfangen sind geeignet, Kurioses zu erzählen. Filme heißen so und gerne auch Tier-Ratgeber wie “Mein erster Golden Retriever” oder “Mein erster Diskus zu Hause”. Mir fält immer die rot-dauergewellte Zonen-Gaby ein, die voller Stolz eine abgeschälte Gurke ins Bild hält und sagt: “Meine erste Banane”. Wie DDR-Bürger einstmals gen westliche Freiheit fuhr ich am vergangenen Wochenende ins nicht minder Unbekannte. Ziel: ein kleines Städtchen in außersten nordöstlichen Zipfel von Nordrhein-Westfalen. Mein erstes! Navigationsgerät, für deren Erfindung ich so dankbar bin, wie für die des Rades oder der Elektrizität, wies mir den Weg über diverse Landstraßen. Nicht, dass ich nicht schon einmal hier gewesen wäre und wüßte, dass es normal ist, dass in jeder Ortschaft zu dieser Jahrezeit auf übergroßen Plakten Schützen- und Dorffeste angekündigt werden. Mit diesen Festivitäten kenne ich mich aus, Karaffen trinken ist quasi eine Lieblingsdisziplin. Aber diese Übung war gänzlich neu: Die Hochzeit einer Freundin, meine allererste im zarten Alter von 32 Jahren.Â
Pünktlich komme ich an, gehe zielbewusst auf die Kirche zu und sogar in sie hinein. Man soll mir meine Unsicherheit nicht anmerken. Niemand nimmt von mir Notiz. Ich schaue mit suchendem Blick, auf irgendeine Orientierung hoffend. Sie bleibt aus, ich setze mich beliebig in irgendeine Reihe an den Rand. Das Braupaar schreitet ein, der Pastor mit gutmütiger Geste baut sich vor ihnen auf. Ich stelle mit Erstaunen fest, eine kirchliche Hochzeit ist ein richtiger Gottesdienst. Ich mache mich klein, solle doch keiner mein Heidentum erkennen. Eine Art Programmheft der Trauung vermittelt mir schnell, dass auch noch gesungen wird. Dreimal setzt der Pastor an, der Chor der Hochzeitsgäste folgt zögerlich. Ich vergrabe mich in dem Liedtext, murmele mit. Ich traue mich nicht aufzuschauen. Dennoch die Zeremonie hat etwas Feierliches und Bedeutungsvolles. Melancholie machst sich bei mir breit.
Sie verfliegt. Vor der Kirche warten Spielmannszug und Feuerwehr, wer auch sonst. Sie haben den Schlauch in einem Bogen aufgespannt. Braupaar und Gäste stolzieren hindurch, ich stoße mir fast den Kopf. Dann der Gratulationschor, ich verstecke mich erneut. Wann ist es angemessen vorzutreten, bin ich doch einer der unwichtigen Gäste. Ich meistere auch diese Hürde. Kurz nehme ich noch Notiz vom parallel stattfindenden Stadtfest, lang wiederum ist die Suche nach meiner Pension in der Pampa. Selbst mein Navi ist überfordert. Krawatte gebunden, und schon geht es zurück. Die Hochzeit steuert auf ihren abendlichen Höhepunkt zu. Ort des Geschehens: Ein Gasthof. Beim Betreten sehe ich das für solche Lokalitäten unweigerliche Erkennunsgzeichen: Bundeskegelbahn. Wieder keine normale Kegelbahn. Seit Jahren frage ich mich schon, ob und wo es diese überhaupt gibt.
Die kruden Gedanken verfüchtigen sich, als ich den großen Saal betrete. 150 Gäste, gedeckte Tische, eine Bühne samt Band. Das macht was her. Nach recht zähem Rumgestehe setzt sich die gierige Meute, die vorher schon mit Sekt und Bier bei Laune gehalten wurde. An meinem Tisch gebe ich den großen Zampano. Schnell merke ich, mit meiner kosmopolitischen Attitüde kommt hier nicht jeder zurecht. Ich bin dankbar für wenigstens einen adäquaten Gesprächspartner. Der Rest lauscht dem großen Erzähler. Dann gesellt sich noch die Hochzeitsfotografin zu uns, die so gleich berichten muss, dass sie seit 20 Jahren auf Ehefeiern zu gegen ist und was man von dem, was hier passiert, zu halten hat. “Eine Hochzeit für die Verwandtschaft”, entfährt es ihr.
Das Menü wird aufgetischt, es ist fast schon zu sehr gut bürgerlich. Noch nichts gegessen über den Tag lass ich nichts aus. Der Suppenteller wird ein zweites Mal voll gemacht und beim Hauptgang, einer Melange von allerlei Fleisch, ist ein voller Teller dem Herren natürlich auch nicht genug. Vanilleeis mit Himbeersoße rundet das Ganze geschmackvoll ab. Dazu fließt das Bier in Strömen, In dieser Gegend trinkt man Barre Bräu, mit dem aus meiner Sicht unschlagbaren Slogan “Dein Herz erfreu”. Bei mir ist alles erfreut. Ein 0,2l Glas nach dem anderen wird geleert. Häufig fehlt der Nachschub. Das Gefresse und Gesaufe wird von einigen kurzen Reden unterbrochen, die derat unspiriert sind, dass ich mich fast fremd schäme, Auch fehlt es im Laufe des Abends an neckischen Hochzeitsspielen, auf die ich mich schon so gefreut hatte. Stattdessen steigen roten Ballons in Herzform auf, kitschig aber schön.
Die Band übernimmt das Ruder, das Brautpaar eröffnet den Tanz. Ständig Paartanz, ich bin friustiert, stehe am Rande, starre. Wird das heut abend noch was? Die Torte kommt, die Band verweist parallel leise auf das Mitternachtsbüffet. Was ist das denn? Ich luke als Erster um die Ecke und trauen meinen Augen nicht. Ein riesiges Büffet auf einem zehn Meter langen Tisch. Kalt und warm, es gibt einfach alles. Es ist 0.30 Uhr, man ist übersättigt, völlig träge und dann das. Da kann es nur vernünftige Antwort geben, den Teller nochmal zwei Mal so voll zu machen, wie es nur irgend geht. Lukullus hatte an dem Ganzen seine helle Freunde gehabt, mir vergeht sie schnell. Nach Beendigung der unüberlegten Tat bin ich vollkommen erschlagen, stöhne vor mich him und will mich nur noch hinlegen. Ich schleppe mich wieder Richtung Tanzfläche, nicht wirklich daran denkend, sie zu benutzen. Die Tanzband intoniert Andrea Berg. Ein guter Moment zur Toilette zu gehen und sich über die Körperöffnung, in die das Futter eingeführt wurde, von Selbigem zu entledigen. Ich übergebe mich prächtig. Danach geht es mir wieder richtig gut. Plötzlich bin ich auf der Tanzfläche, es geht mittlerweile auch etwas legerer zu. Barre Bräu-jawoll mein Herz ist erfreut. Ich nehme mich der Band an. Rufe immer mal wieder “Tiffanys”, eine geistreiche Anspielung auf die quälenden Jahre meines geistigen Übervaters Heinz Strunk in einer eben solchen Tanzband. Natürlich versteht mich keiner. Besser funktioniert schon die Konsultationen mit dem Drummer. Wir fabulieren über den Paradigmenstreit – akkustisches oder elektronisches Schlagzeug? Er schwört auf sein abertausende von Euro kostendes E-Drum. Ich will es nicht wahr haben, gebe mich aber auch als weitgehend Ahnungsloser zu verstehen.
Ich tanze mit Braut und Brautführerin, trete ihnen – wenn auch dezent – auf die Füße. Das ist nicht mein Sport, egal weiter gehts. Ich lerne Ulli kennen. Der gute Mann ist am Ende, aber zehn Wacholder-Schnäpse passen noch ins uns rein. Richtig zählen kann ich nicht mehr, die 20er Marke beim Bier ist aber auch schon überschritten. Auf der Tanzfläche gibt es noch manch bizarre Performanz, unter anderem einen Sockentanz der Brautführerinnen. Ulli fasselt ständig etwas über Hamburg, ich soll mit und sein Frau die Stadt zeigen. Natürlich willige ich ein. Ohnehin scheine ich jetzt dazu zu gehören. Man erinnert sich, dass ich bereits zweimalig zum Schützenfest aus der Großstadt extra gekommen bin. Wer in diesem Ort nicht im Schützenverein ist, gilt als gesellschaflich nicht tragfähig. Ich unterhalte mich mit einem weiteren Volltrunkenen. Es stellt sich raus, dass er eine Beziehung zu Schleswig hat, meiner Arbeitsstätte. Nur noch bedingt geistreich berichte ich über aktuelle Entwicklungen. Der gute Mann war dort einmal stationiert. Die Bundeswehr ist längst weg, muss ich ihm wiederholt mitteilen, stattdessen entsteht ein neuer Stadtteil. Ganz schön spannend was ich hier so tue, sagt mir meine innere Stimme. Sollte ich nicht längst ein weibliches Wesen verführt haben? Nein, auf diesem Terrain mache ich keine Punkte an diesem Abend, waren die Hoffnungen auch noch so groß. Ich bring das Ganze anständig über die Bühne. Taxi, Pension, Frühstück, Heimfahrt – das nächste erste Mal kommt bestimmt.