Verfasst von: hebblog | 10. Juni, 2007

Selbstmord in Freudenstadt

“Hamburg is great“, sagt ein Einheimischer und zeigt mir sein Schweißband mit entsprechendem Namenzug unserer inoffiziellen norddeutschen Kapitale. Er war schon einmal dort und möchte wohl auch wieder dorthin, so erfahre ich später. Der junge Mann, der mich diese Nacht an einer Bushaltestelle angesprochen hat, schwärmt von der Liberalität meiner Heimat. Meine Wenigkeit, ganz im Rausch L.A.’s möchte seinen Enthusiasmus nicht zerstören. Obgleich mir die Hansestadt in ihrer schlichten Existenz wie eine Provinzposse vorkommt, ergreife ich wie pflichtbewusst das Wort.

Ich fabuliere über den Fischmarkt, ohne dass es mir gelingt zu vermitteln, um was es sich dabei eigentlich handelt. Vielleicht weiß ich es selbst nicht, es ist zu selbstverständlich, er ist nun mal da. Da fällt mir die Beschreibung vom Kiez schon leichter, wohl wissend, dass dies einen Amerikaner unweigerlich schwerer beeindruckt zurücklassen wird. Frauen nackt hinter einer Fensterscheibe, für Amis so sensationell wie für uns einst die Mondlandung. Aber es geht weiter: Man spricht über die Lebensweise in den USA und Deutschland, das Ausbildungssystem, Mietpreise und Musik. Bei Green Day angelangt klappt die Verständigung bestens, es wird mir sogleich eine CD gereicht. Der Bus braust den berühmten Sunset Boulevard entlang, der irgendwann zum Sunset Strip wird, von Hollywood nach West Hollywood.

Hispanics, Blacks und ein versprengter Reisender haben hier ihren Platz gefunden. Sie eint nicht im Besitz des üblichen Fortbewegungsmittels in diesem Moloch zu sein. Ohne Auto ist man nichts in L.A. und es geht auch gar nicht ohne, allein der Entfernungen wegen. Eine Plattitüde die so oft an mein Ohr drang, dass ich fast schon aus Protest zum missionarischen Metro-Fahrer mutierte. Ob Bus oder Subway, die für die eingewanderten Süd-Kalifornier wohl befremdlich anmutende große weiße Gestalt platziert sich geduldig zwischen ihnen. Und dabei drohe einem ja besonders in der U-Bahn jede Sekunde ein Überfall oder Gewaltverbrechen, so die Unkenrufe. Mit Gelassenheit erreiche ich auch an diesem Freitagabend mein Ziel. Es ist Mitternacht, da ist in L.A. schon fast Schluss mit Amüsement. Ich lasse mich noch mit praktischen Hinweisen versorgen und verabschiede mich von David, dem interessierten jungen Amerikaner aus einfachen Verhältnissen.

Nach orientierungslosen Abschreiten der vermeintlichen Party-Meile, entschließe ich mich in den Roxy Club zu gehen, ein durchaus legendäres Etablisement. 10 Dollar Eintritt und 6 für ein Heineken, das Budget des Herrn ist stark angegriffen, will er doch mit dem Taxi noch zu seiner Herberge zurück. Schließlich solle man nachts auch nicht zu Fuß hier unterwegs sein. Ich setzte mich an die Bar und beobachte das Treiben. Eine junge Dame mit zu dicken Beinen tanzt exaltiert an und um eine in der Mitte des recht überschaubaren Raumes angebrachte Stange. Eine reichlich bizarre Szene, tanzt um sie herum doch niemand. Und wieso verhalten sich Frauen in Nähe von Stangen immer so als sei es ihr innigster Wunsch einmal in einer Nackedei-Bar aufzutreten? Hat man je einen Artgenossen von männlicher Seite dies tun sehen, frage ich mich. Aber Schluss mit den kruden Gedanken. Das Mädel, das zwar wirkt wie eine Bauerntochter aus Iowa, ist ansonsten ganz apart. In der unfreiwilligen Zuschauerrolle die mir hier zu Teil wird, ist man zumal dankbar für solches Schauspiel.

Dies liefert auch die Band auf der Bühne, aus denen ich nicht so recht schlau werde, welche Musikrichtung sie denn nun dem Auditorium darbieten. Es rockt jedenfalls richtig und hebt die Laune des deutschen Gastes. Livemusik in Clubs gehört hier zum Standardprogramm. Ich beobachte andere Personen. Solche die zeitweilig mit auf der Bühne herumturnen aber nicht zur Combo zu gehören scheinen und die Fraktion der Stillen, die im hinteren Teil auf Bänken sitzt. Eine atemberaubende junge Frau steuert auf den Platz an der Bar vor mir. Ein kurzer Kontakt, ein Satz, mehr nicht, ihr Platzhirsch ist nicht fern. Hilflos nippe ich an meinem Bier, die Band animiert uns zum x-Mal zum Saufen. Gerne würde ich dem folgen, doch die Spendierhosen haben heute andere an. Vielleicht ist das Problem ja, dass die Amis genau wie wir aussehen, wie soll ich da auch auffallen, legitimiere ich mein Schicksal. Und nüchtern oblag es mir noch nie die extrovertierte Stimmungskanone zu mokieren. So verharre ich bis zum Schluss, immer wieder von dem Gedanken traktiert, mich hier doch in einer einmaligen Situation zu befinden, schließlich ist das hier immer noch Hollywood und wer von zu Hause würde nicht gerne mit mir tauschen.

Der Wunsch nach richtigem Abenteuer erfüllt sich nicht, gedankenverloren schreite ich den Sunset Strip hinauf. Ich halte ein Taxi an, von denen es in L.A. ungefähr so viele gibt wie Kleinfahrzeuge, praktisch keine. Wie berufen schwadroniert der Taxifahrer über das katastrophale Transportsystem der Stadt. Einmal im Redeschwall legt er richtig los, schimpft auf Ölindustrie und Autolobby, die Schuld daran seien, dass Los Angeles so in die Breite gewachsen ist, damit jeder auch ein Automobil benötigt. Wir verstehen uns, auch ich wettere los. Der gute Mann ist Iraner. Dank unvermutetem Einfühlungsvermögen frage ich ihn nicht, wie es sich derzeit in den USA leben lässt, wenn man doch zur Achse des Bösen gehört. Vielmehr erfahre ich, dass er mal mit einer Deutschen verheiratet war, die nun wohl im baden-württembergischen Freudenstadt ihre Zuhause gefunden hat. You are from Germany, i don’t have to tell you. It’s out of this world”, so seine deutlichen Worte über die deutsche Kleinstadt und ihr Umland. Trotz abermals fehlender Nachvollziehbarkeit meinerseits, nicke ich heftig und gebe großzügig Trinkgeld. Man verabschiedet sich mit „Auf Wiedersehen“. Am nächsten Morgen gebe ich die Geschichte sogleich zum Besten. Kommentar eines Stuttgarters, der zur Crew meine filmschaffenden Bruders gehört: „Freudenstadt hat die höchste Selbstmordrate in Deutschland.”


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