Die Erwartungen waren groß, wenn man denn an diesen Tag dachte. Irgendwie überlagert von der Flut an Eindrücken fand am Sa. nachmittag in den Räumlichkeiten der Academy of Motion Picture Arts and Sciences die Verleihung der studentischen Würdenträger statt. Dort befindet sich angeblich das qualitativ beste Kino der Welt.
Angekommen macht sich Ernüchterung breit, kein roter Teppich und Medienvetreter. Stattdessen eine große Fraktion festlich gekleideter Deutscher, die nicht so recht ins Bild der sonstigen Besucher passen will. Die Einlasskontrolle gleicht der an amerikanischen Flughäfen. Mühsam überwunden lockt der V.I.P.-Bereich, allerdings nicht für Familie Hebbeln, die nicht auf der obligatorischen Liste stehen. Warum weiß man bis heuet nicht. So wird durstig dem Beginn der Zeremonie entgegengefiebert. Eilig wird noch Bekanntschaft mit der britischen Freundin meines Bruders und ihrer in L.A. lebenden Familie gemacht.
Die Verleihung im nicht vollen riesigen Kinosaal wird zum zähen Unterfangen. Über zehn Preise in fünf Kategorien werden verliehen, längere Ausschitte gezeigt und nervöse aber sehr ehrliche und persönliche Reden vorgetragen. Amüsant allemal die holprigen Versuche asiatischer Filmstudenten, die an amerikanischen Filmhochschulen studieren und für ihre Dokumentationen und Animationsfilme geehrt werden. Da wird so häufig seiner Frau, seinen Eltern, ja der ganzen Familie gedankt, dass man an Ende gar nicht weiß, wen man nun eigentlich beklatscht.
Als Zeremonienmeister fungiert Sid Ganis, Präsident der Academy, unterstützt von den Honoratoren Schauspielerin Zoe Deschanel und John Landis (Regisseur u.a. von Blues Brothers). Ihr launigen Kommentare und Ansagen helfen die nicht enden wollende Verleihung zu meistern. Voraussgesetzt man versteht Englisch jenseits touristischer Floskeln. Unser Deutscher Film “Nimmermeer” läuft als letztes, in voller Länge mit Untertitel, das Kino hat sich bereits merklich geleehrt. Die Verbliebenen werden nicht enttäuscht und loben das Werk nach dem Abspann vielstimmig. Einer der Schulterklopfer gratuliert sogar mir. Ein weiterer gibt mir auf der Toilette seine Karte. Er faselt etwas von einem Film, den er mit dem Team meines Bruder drehen will, in der es um einen brühmten Hund namens Falco geht. Näheres ist nicht überliefert, der Herr, den ich kaum verstehe wird als Schauspieler dritter Klasse abgetan. Bilder vor übergroßen Oscar-Statuen mit Crew und Familie, die wohl als Einziges an den Zusammenhang zur großen Academy Award-Show erinneren, runden die Veranstaltung ab. Der grandiose Erfolg von Toke bleibt unangetastet.
Nun aber soll so richtig losgehen, so denke ich. Eine echte Hollywood-Party, Glamour, tolle Leute, Schlemmen auf höchstem Niveau, Alkohol in Strömen. Stattdessen wird uns ein müder Empfang im Renaissance Hotel geboten, mit ein paar Häppchen, die ganz schnell aus sind. Keine Musik, keine Party. Aber auch so finden sich nette Gesprächspartner. Im Nachhinein offenbart sich noch die Anwesenheit des oscarprämierten Verantwortlichen der Special Effects in ”Independence Day”. Dennoch, dass ich mal gemeinsam mit meinen Eltern eine Festivität verlassen würde, spricht Bände.
Aber wer würde es wagen einen Abend zu beschließen, wenn noch der Hollywood Boulevard zwischen einem und dem Hotel liegt. Hier unterhalten untalentierte Schausteller als Shrek, dicker Elvis oder Darth Vader verkleidet, die Massen und das 24 Stunden. Den Klauen Freddy Krügers entkomme ich, nicht aber vier jungen Amerikanerinnen. Ihr Auftritt erinnert an unsägliche Junggesellinnen-Abschiede. Auf einer lange Liste stehen Aufgaben, zu deren Erfüllung ich auserkoren wurde, indem ich spontan ein Lied zum Besten geben soll. Ich oute mich als Deutscher, ansonsten herrscht Ratlosigkeit, will mir beim Anblick der einen Dame und ihrer Reize doch partout nichts einfallen. Schließlich intoniere ich die deutsche Nationalhmyne, Strophe 3. Trotz mieser Sangeskunst sind die Einheimischen begeistert, man schlägt ab mit “high five”. Die ganze Szenerie fiel im Angesicht der uns umgebenden Freakshow nicht einmal auf. Noch eine Kreuzung ist zu überwinden, das Hotel türmt sich vor mir auf, geschafft…
Hier ein Video-Mitschnitt der Rede von Toke Constantin Hebbeln, meinem Bruder
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